|
Wohl
in kaum einem anderen Museum manifestiert sich die Leidenschaft des
Sammelns so gut wie im Museum Charlotte Zander. Seit über 6
Jahrzehnte sammelt Charlotte Zander – entstanden ist dabei eine
international angelegte museale Sammlung und ein außergewöhnliches
Lebenswerk im Dienst der Kunst von Autodidakten.
Wie
die neue Ausstellung „Ergänzungen
– Schenkungen - Entdeckungen“
dokumentiert, gibt es für passionierte Sammler wie Charlotte Zander
keinen Stillstand. Das Sammeln gleicht einem perpetuum mobile, das
eine besondere Dynamik entwickelt und durch verschiedene Strömungen
in Bewegung bleibt.
Die
Sammlung Charlotte Zander genießt unter Künstlern und Besuchern
große Wertschätzung, so dass es in jüngster Vergangenheit immer
wieder zu größeren Schenkungen und Stiftungen kam, die hiermit
ausgestellt werden.
Die
Ausstellung beginnt am 28. Oktober mit einer öffentlichen Führung
um 14 Uhr. Dabei
haben
Gäste
und Besucher bei einem gemeinsamen Rundgang die erste
Gelegenheit den Blick auf die inspirierende Ausstellung – die einer
Anthologie des Sammelns gleicht – zu erkunden.
Zu
den Ergänzungen
zählen
die
Bilder
des französischen Malers Ferdinand
Desnos
(1901-1958), darunter das Selbstportrait aus dem Jahr 1956 und das
Portrait seines Entdeckers und Kunstkritikers Fritz-René Vanderpyl.
Als Hauptwerk des Künstlers gilt das Monumentalbild „Le Testament“
(1950), in dem der Künstler fiktiv seine eigene Beerdigung malt, die
er wie einen fröhlichen Besuch von Freunden und tanzenden Frauen an
seinem aufgebahrten Leichnam inszeniert.
Die
Werkgruppe von Ferdinand Desnos und weitere Bilder von Simon
Schwartzenberg,
Leon
Greffe
und André
Bauchant
ergänzen die bedeutende Sammlung des Museums im Bereich der
französischen Naive.
Auch
der deutschen Outsider Art und Naive mit Künstlern wie Josef
Wittlich, Max
Raffler und
Friedrich Schröder-Sonnenstern
ist mit außergewöhnlichen Bildern ein besonderer Teil der
Ausstellung gewidmet. Bei dem Bild „Männergesangchor“ von Josef
Wittlich handelt es sich um eines der frühesten Werke, das Wittlich
lange vor seiner eigentlichen Entdeckung malte. Ein Kabinett ist mit
40-50 Arbeiten für Max Raffler eingerichtet: Szenen aus München und
der bayrischen Landschaft, Tiere, Blumen und Porträts zeigen die
Vielfalt seiner künstlerischen Themen. Seit kurzem ist das Museum
Charlotte Zander um ein Selbstporträt Max Rafflers aus dem Jahr 1967
– das Seltenheitswert hat - reicher. Auch die Zeichnungen von
Friedrich Schröder-Sonnenstern sind ein wertvoller Beitrag für den
Bereich deutscher Outsider Art. Seine feinen Zeichnungen erinnern an
Fabelwesen aus Mensch und Tier und spiegeln surreal sexuelle
Szenerien wieder.
Aus
Privatbesitz in Norddeutschland gelangten drei außergewöhnliche
Bilder des spanischen Autodidakten Valerico
Moral Calvo,
der bisher als Maler von Stierkampfszenen bekannt war, in die
Sammlung. Diese interessanten Neuzugänge zeigen ihn nun unter neuem
Licht und weisen ihn eindeutig als einen politisch engagierten und
dem Franco Regime gegenüber kritischem Maler aus.
Eine
Besucherin entdeckte im Museum die Bilder von Jo¸e
Tisnikar und
stiftete spontan aus ihrem Privatbesitz zwei wertvolle Bilder dieses
Künstlers, um ihnen ein öffentliches und würdiges neues „Zuhause“
zu geben. Damit konnte das bereits vorhandene Konvolut Tiznikars um
sein Selbstporträt und um ein Bildnis seines von ihm geliebten Raben
erweitert werden.
Weit
über Deutschland hinaus, ist die Sammlung Charlotte Zander mit
Künstlern vernetzt. Dazu gehört die Schenkung der holländischen
Outsider Art Künstlerin Jannemiek
Tukker. In
der Serie von 26 ungewöhnlichen Zeichnungen, verarbeitet sie
persönliche Erfahrungen mit Psychosen. Schicht für Schicht versucht
sie mit leuchtenden Linien vor dunklem Hintergrund das Fremde in
Körper und Seele zu visualisieren. Eine weitere großzügige
Schenkung mit über 40 Bildern erfolgte durch die ukrainische Malerin
und Dichterin Emma
Andijewska,
deren Werk in einem ihr gewidmeten staatlichen Museum in der Ukraine
gewürdigt wird. Mit der Sammlung besonders verbunden, war die 2007
verstorbene Künstlerin und Holocaust Überlebende Rosemarie
Koczy, die
es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, in täglichen Zeichnungen an
die Opfer des Holocausts zu erinnern. Als Zeichen ihres Vertrauens
und als Geste des Erinnerns schickte sie über einen langen Zeitraum
von ihrem Wohnort im US Bundesstaat New York, monatlich fünf
Zeichnungen an das Museum Charlotte Zander. Daher umfasst das
Konvolut heute weit über 500 Werke, von denen einige repräsentative
Zeichnungen für die Ausstellung ausgewählt wurden.
Ebenso
langjährig mit der Sammlung verbunden ist der Bildhauer Wolfgang
Teucher, der
über 80 Skulpturen schenkte. Aus Italien erhielt das Museum eine
Kreuzigungsdarstellung des italienischen Autodidakten Andrea
Fusaro, der
im Trentino lebt. Darüber hinaus ist das Museum durch Schenkungen im
Besitz von Kunstwerken zeitgenössischer Künstler wie Jan
Peter Tripp und
Martin Stommel.
Die
Ausstellung veranschaulicht insbesondere die vielseitigen
Sammelgebiete
von Charlotte Zander, die weit über die Klassiker der Naive, Art
Brut und Outsider Art hinausgehen. In München entdeckte Charlotte
Zander die Baummalerin Annemarie Hoffmann, deren Malerei
ungewöhnliche Kombinationen von Bäumen und Tieren darstellt.
Darüber hinaus zeigt die Ausstellung z.B. die Tattoo
Bilder eines
unbekannten amerikanischen Tätowierers, sowie Bilder und Skulpturen
wenig bekannter US Künstler wie Joe
Mc Fall, Helen
Director, Dulce
Ramos, Mark
Sawyer
und haitianischer Maler, unter ihnen Antoine
Obin.
Zwei
Räume sind als Sonderausstellung
für
die
beiden Entdeckungen, Anna-Jutta Pietsch und Ralf Kay eingerichtet.
Bei
den Bildern von Anna-Jutta
Pietsch
handelt es sich um Materialbilder aus abgelegten Handschuhen,
abgenutzten Stofffetzen und Textilien. So erhalten diese Materialien,
deren Gebrauchsspuren sichtbar sind, durch die künstlerische
Transformation ein zweites Leben, eine neue Identität: Ob „Alien“,
„Montepuma“, „Drosselbart“ oder „Odradek“ – sie alle
sind künstlerische Neuschöpfungen mal als Tier, mal als Mensch.
Inspiriert
durch Fotos aus Zeitungen, malt der Münchner Ralf
Kay
bevorzugt einsame Menschen – einzelne Männer oder Frauen, die er
aus der Masse herausfiltert. Er platziert sie vor unterschiedliche
Kulissen am Strand, an einer Brücke, auf der Bühne, so verharren
sie quasi wie bei einer Momentaufnahme reglos in Position. Sie wirken
durch ihre physische Präsenz und verbreiten in sich gekehrte
gedankliche und körperliche Stille.
Einer
Momentaufnahme gleichkommend verdeutlicht die aktuelle Ausstellung „Ergänzungen
–
Schenkungen – Entdeckungen“ die
verschiedenen Aspekte des Sammelns. Die Suche nach Raritäten, das
Anlegen weit verzweigter Sammelgebiete, die Anschaffung neuer
Entdeckungen – aber auch die Verpflichtung gegenüber der Kunst,
das Archivieren, Bewahren und Ausstellen kommt hier deutlich zum
Vorschein. So bleibt die Sammlung Charlotte Zander lebendig,
interessant und eine große Inspiration für Besucher und
Kunstinteressierte.
Museum
Charlotte
Zander,
Schloß
Bönnigheim, Hauptstr. 15, 74354 Bönnigheim
Tel:
07143/4226,
www.sammlung-zander.de
Öffnungszeiten
Di-Sa:
11-15
Uhr,
So und Feiertag: 11-16 Uhr
Führungen
für
Privatgruppen,
Senioren,
Reisegruppen, Schulklassen und Kinder
gibt es jederzeit nach telefonischer Anmeldung: 07143/4226.
|